Born and raised

Bevor ich richtig zählen konnte, wusste ich weshalb bei Porsche der Zündschlüssel links sitzt. Als unsere Lehrerin versuchte uns die Zahlen beizubringen, und uns zur Übung Auto-Typenbezeichnungen vorlas, korrigierte ich sie sofort als sie neben “BMW fünfhundertachtundzwanzig” auch “Porsche neunhundertelf” las. Der Experte spricht das nämlich “neun-elf”! Viel mehr konnte ich in dieser Stunde leider nicht zum Unterricht beitragen.

Wenn man auf den Notsitzen eines 911ers aufwächst bleibt vieles in der Erinnerung hängen. Die perfekte Rundumsicht (wenn man den Kopf in den Nacken legt sieht man durch die Heckscheibe sogar den Himmel), der Geruch von Leder, Öl und Benzin, das Geräusch und der Schub, der einen in die Rückenlehne drückt- das hab ich nie vergessen. Auch nicht wie meine Mutter fluchend versucht Getränkekisten im Kofferraum und zwei Kinder auf den Notsitzen zu verstauen, oder das ewig kaputte Fenster auf der Beifahrerseite. Bei Bodenwellen fiel es gerne in die Tür und ließ sich nicht mehr schließen- meist bei Regen…ich fand es lustig, mein Vater weniger.

 

Das Ganze lässt einen dann auch nicht mehr los. Als ich in einer Art automobilen Amoklaufs 25 Jahre später meinen ersten 911er kaufe, ist es der Geruch der mich sofort wieder an früher erinnert: Leder/ Öl/ Benzin. In den nächsten Monaten verfuhr ich unzählige Tanks. Ich glaube mit einem 11er muss man sich erstmal anfreunden. Irgendwie ist alles anders…willkürlich verstreute Schalter, Schlüssel auf der anderen Seite (Kofferraum ebenfalls…), Fahrverhalten, Sound. Wir wurden jedenfalls schnell Freunde und hatten jede Menge Spass! Auf kurvigen Landstraßen, ehemaligen Bergrennstrecken und ein Bißchen auch auf der Autobahn.

 

 

Außerdem lernte ich schnell dass ein 911er ein Faß ohne Boden sein kann: Obwohl ich beim Kauf einen 15cm-Stapel an Rechnungen bekommen habe, obwohl jeder einzelne Service pünktlich gemacht wurde (teilweise sogar in Zuffenhausen- noch bis 185tkm), investierte ich in den ersten 2 Jahren die Hälfte des Kaufpreises in Wartung…zerbröselnde Ölschläuche, verzogene Ventildeckel, rostige Scheibenrahmen, Radlager und sonstiges “Kleinzeug”.

Obwohl der Motor selbst eigentlich unglaublich robust ist…basierend auf dem 3,2l des Vorgänger-Carreras (und auf dem legendären “Mezger”-Kurbelgehäuse mit dem turbo- und GT-Modelle bis zum 997 ausgestattet waren) sorgen 5mm mehr Bohrung und 2mm mehr Hub für 3,6l Hubraum. 100mm Kolbendurchmesser legen den Einsatz einer Doppelzündung nahe, weiterhin bekommt der Motor einen Klopfsensor und serienmäßig einen geregelten Kat mit dem er weltweit alle gültigen Abgasnormen erfüllt. Luftkühlung, 2-Ventiltechnik (ohne hydraulischen Ventilspielausgleich) und nur eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderbank sind eigentlich auch ´89 schon nicht mehr ganz Stand der Technik, aber der Motor geht enorm vorwärts, ist drehfreudig und schiebt die knapp 1400kg Leergewicht  ab 4000 U/min unter lautem Gebrüll richtig an. Bis zur Drehzahlgrenze (6600) kommt so nie Langeweile auf. Wenn die Resonanzklappe im Ansaugtrakt bei knapp über 5000 U/min einen zweiten Bypass öffnet, wird es sogar nochmal richtig laut!

 

 

Fahrwerksseitig gab es einen Satz neuer original Boge-Dämpfer gepaart mit progressiven H&R-Federn und einem etwas dickeren Stabi an der Vorderachse- mit etwas mehr Sturz vorne und einer perfekten Achslasteinstellung hat das den Fahrspass ungefähr verdoppelt. Wie im sprichwörtlichen Kart, und dank progressiver Federn sogar komfortabler und 100% alltagstauglich.

Der 11er gehört mittlerweile jedenfalls zur Familie. Verkauf ausgeschlossen! Und irgendwann werde ich meinen Kindern mal erklären warum der Schlüssel links ist…

 

Fotos by Tanja Ganzer: tanjaganzer.com

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