Scheunenfund: aufgeladen!

Es war die Neugier. Die Anzeige stand schon ewig. Ein 924 turbo- gnadenlos unterbewertet, schlechte Fotos, keine Beschreibung aber nachweislich 17 Jahre Standzeit in einer Scheune. Und dazu noch indischrot. Völlig verrückter Gedanke das Auto zu kaufen. In Expertenkreisen gilt der (intern 931 genannte 924 turbo) als Diva: Lader, Zündung, K-Jetronic…170 PS aus dem 2l-ex-Audi Graugussblock der auch den 924 befeuert.

Bei seinem Erscheinen 1979 war der 931 aber eine echte Ansage. Gerade mal 4 Jahre vorher hatte Porsche den über-Sportwagen 911 turbo vorgestellt nachdem bereits seit ´71 echte Turbomonster mit weit über 1000 PS im 917 liefen. Der 924 war damals mit 170 PS übrigens gerademal 10 PS schwächer als der damalige 911 SC 3-liter! Nur mal so nebenbei..

Optisch bis auf die NACA-Hutze auf der Haube und die Zusatzlufteinlässe in Frontblech- und -schürze kaum vom 924 zu unterscheiden, passt fast kein Teil des Antriebs untereinander. Porsche hat damals keine halben Sachen gemacht. Der Zylinderkopf wurde für den turbo neu entwickelt: größere Ventile, Kerzen im Gegensatz zum Sauger auf der Einlassseite. Geänderte Kolben reduzieren die Verdichtung auf 7,5:1 und eine kontaktlose, unter- und überdruckgesteuerte Transistorzündung sorgt für den passenden Zündfunken. Dazu ein angepasster und versetzter Mengenteiler der K-Jetronic.

Die Kühlung wurde um einen Ölkühler hinter der Frontschürze erweitert, die zusätzlichen Lufteinlässe versorgen den Wasserkühler mit mehr Luft und sogar die Naca-Hutze ist nicht nur für die Optik: der Kühnle, Kopp und Kausch (KKK) K26-Turbo und das Wastegate sind extrem eng zwischen Motor und Stehblechen montiert und heizen diesen Bereich brutal auf. Der Beifahrer spürt das bei Volllast-Autobahnfahrten auch gerne mal am linken Bein. Die Hutze sorgt hier zumindest für etwas kühlere Luft. Die Kupplung ist hydraulisch betätigt und größer als bei den Saugmotor-924, die Transaxle ist- dem höheren Drehmoment entsprechend- dicker ausgelegt und endet in einem Getrag-Sportgetriebe mit seltsamen „erster-Gang-da-wo-sonst der Rückwärtsgang-ist“ Schaltschema. Im Rennbetrieb soll das wohl praktisch sein, im Alltag nervt es- ab und zu trifft man statt dem 2. auch mal sofort den 4. was dazu führt dass man beinahe stehenbleibt, hektisch fluchend in den 3. (der da ist wo üblicherweise der 2. ist) schaltet und dann –lauter fluchend- endlich den 2. findet. Da man mittlerweile fast steht kann man jetzt auch wieder den 1. einlegen…

Die Bremsen sind übrigens eine Mischung aus 911 SC- Scheiben (deshalb auch 5-loch Befestigung der Felgen) und 928 Bremszangen und sind mit den 1100kg des 931 kaum gestresst. Aufhängunsteile sind verstärkt, die Dämpfer etwas härter („..den Fahrleistungen angepast…“). Leider passen nichtmal die Kotflügel des normalen 924, da der 931 eine seltsame Plastik-Schwellerverkleideng hat, für die am Kotflügel eine Halterung angebracht ist. Dieser ist es auch zu verdanken dass der 931 der einzige transaxle-Porsche ist der in diesem Bereich rostet. Es passt also ungefähr kein Teil vom Saugmotor-924. Während für den die Gebrauchtteile tonnenweise vorhanden sind, werden die spezifischen 931-Teile scheinbar von Hand aus Unobtainium gefräst…sie sind jedenfalls teuer und rar, und wenn man sie gebraucht findet kann man davon ausgehen dass sie es auch schon hinter sich haben.

Und jetzt steht so eine Kiste 17 Jahre in einer Scheune, in einem mir unbekannten Zustand, ohne Zeit für eine Besichtigung. In indischrot! Krank…niemals!

Um es kurz zu machen: 2 Telefonate später gehörte er mir. Ich hatte Mitleid. Er ist mit einer Erstzulassung 09/80 exakt so alt wie ich und hatte wohl eine bewegte Vergangenheit. Dem Auto lag ein Brief des Vorbesitzers bei: todkrank und insolvent übereigenete er das Auto dem Besitzer des Schuppens -der nur wenig von Autos verstand. Der Fahrzeugbrief musste bei der Bank im Ort ausgelöst werden, die diesen wohl irgendwannmal als Sicherheit (haha) einkassiert hatte. Der erste Versuch den 931 aus dem Schuppen zu ziehen scheiterte: alle Bremsen waren fest, das Getriebe steckte im 5. Gang. Der Lack war mehr indischrosa als -rot, dazu ein (oder mehrere) Hagelschaden, ungezählte Beulen (natürlich auch Dellen) und Rattennester in allen Hohlräumen. Aber kaum Rost…man hätte es sich mit „gute Substanz“ schönreden können!

Bereits wenige Tage später lief er- nachdem lediglich Öl und Benzin gewechselt wurde- schon sauber, war aber unfahrbar. Es folgte jede Menge Arbeit: Getriebe (Schaltmuffe gebrochen), Kupplung, die komplette Bremsanlage und beide Türen (…Monsterdellen…) wurden getauscht. Der Grund für die Stillegung war übrigens garantiert die kaputte Krümmerdichtung: den Krümmer samt Lader und Wastegate zu demontieren ist eine Arbeit, für die man eigentlich Kinderhände bräuchte- kann man eigentlich wirklich niemandem zumuten! Der Motor bekam die ganz große Inspektion, neue Reifen- klar. Der Versuch, einige ausgewählte Dellen rauszudrücken wurde aufgegeben als der umliegende Spachtel abzuplatzen drohte. Dafür wurde –als Ablenkungsmanöver- der Porsche-Schriftzug auf die Flanken geklebt.

Seitdem ist “Nr. 31″ das ganze Jahr zugelassen, und teilweise sogar mein daily-driver. Keine Servolenkung, Bodybuilding-Kupplung und seltsames Schaltschema (siehe oben) machen ihn eher zu einem Auto „für Fortgeschrittene“. Auch das- dank der niedrigen Grundverdichtung- anfangs mofaartige Drehmoment ist etwas gewöhnungsbedürftig. Bis bei 3500 Touren der Lader genügend Druck erzeugt um einem schlagartig und völlig überraschend (ich erschrecke manchmal immer noch) ins Kreuz zu treten. Der Lader pfeift, der Ton wird dunkler und es geht vorwärts, bis es so ab 5000 wieder etwas zäher wird. Aber dann ist das Tagfahrlicht der Vertreterdieselkombis im Rückspiegel eh schon weit weg, der eben noch drängelnde Fahrer versteht nicht, was gerade mit diesem leicht ranzigen, verdellt-roten Auto vor ihm passiert ist.

Ja klar, ein echt fertiges Auto zu kaufen und Unmengen Geld reinzupumpen um daraus einen fahrbaren Zustand 3-4 zu machen ist nicht unbedingt vernünftig. Oder clever. Es versteht auch niemand außer mir…aber genau darum gehts doch. Ich hab´s jedenfalls nie bereut das Auto zu kaufen, und würde es jederzeit wieder tun.

Und im Keller wartet bereits ein riesiger Ladeluftkühler darauf eingebaut zu werden…

 

Fotos by Tanja Ganzer: tanjaganzer.com

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